Andrée Putman, die Grande Dame des Interior-Designs wird dieses Jahr unglaubliche 85 Jahre alt. Ganze 60 Jahre bringt sie nun Geschmack und Stil in die Hotels, Showrooms und Appartements der Schönen und Reichen weltweit und ist fleißig wie zuvor. Anlässlich des Jubiläums veröffentlicht die DVA eine umfangreiche Retrospektive in Form eines Bildbandes.
Ein Hotel in Hongkong, der Wasserturm in Köln und ein Museum in Dallas zählen zu ihren jüngsten Kunden – und Helena Rubinstein, die ihre Verkaufsstände neu stylen lässt.
 |
|
 | Foto: Nicolas Koenig / Courtesy of Morgans Hotel Group |  |
|
Sie gilt als die „Grande Dame“ des französischen Designs, als "Diva der modernen Innenarchitektur". Doch Andrée Putman wehrt sich gegen jede Vorbildfunktion. „Ich verstehe es nicht, wenn Designer zu Gurus der Gesellschaft werden.“ Design ist für Andrée Putman eine Frage der Persönlichkeit. Und davon hat sie jede Menge. Eine viel versprechende Musikerkarriere brach die Tochter aus gutbürgerlichem Hause kurzerhand ab, weil die Mode- und Kunstszene sie mehr reizte als einsame Stunden am Flügel.
Da Andrée Putman ausgesuchte Manieren hat – sie stammt aus einer Familie des Großbürgertums von St. Germain, zählt die gebürtige Andrée Christine Aynard die Heißluftballonpioniere Montgolfier zu ihren Vorfahren und eine Zisterzienser-Abtei im Burgund, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, zum Familienbesitz – , kommt die Aufforderung zur Eile „Vite, vite!“ blumig formuliert und mit Eventualitäten durchwebt aus ihrem blutrot geschminkten Mund mit den leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln. Sie geben ihr den Ausdruck einer sehr wachen Katze, die soeben die Maus verschlungen hat, sich aber nichts anmerken lässt.
 |
|
 | Foto: Nicolas Koenig / Courtesy of Morgans Hotel Group |  |
|
Sie heiratete den Kunsthändler und Kunstbuchverleger Jacques Putman und arbeitete als Assistentin und später als Stylistin bei der „Elle“. Durch „Elle“ kam sie irgendwie zum Kaufhaus Prisunic und brachte fortan Künstler dazu, Gebrauchsgegenstände für das Billigwarenhaus zu entwerfen. Es folgten Anstellungen bei der Designagentur Mafia und auf Drängen von Didier Grumbach, Textilerbe und heutiger Präsident des Bundes der französischen Modedesigner, die Lancierung von Créateurs et Industriels. Deren Ziel war es, gutes Modedesign den Massen zugänglich zu machen. Putman förderte junge Talente wie Jean Paul Gaultier, Issey Miyake, Thierry Mugler. Nach der Modeepisode gründete sie ihr Unternehmen ECART, das Möbelklassiker aus ihren geliebten 30er-Jahren neu auflegte. Dank ihr gelten Jean-Michel Frank, Eileen Gray sowie Robert Mallet-Stevens wieder als ultrachic.
Trotzdem sagt sie. „Ich verstehe es nicht, wenn Designer zu Gurus der Gesellschaft werden.“ Design ist für Andrée Putman eine Frage der Persönlichkeit. Und davon hat sie jede Menge. Ein waches Auge und ein sicheres Gespür für Ästhetik führten die junge Andrée Putman in die Pariser Avantgarde der 50er-Jahre. Sie war Journalistin, Stylistin und Designerin. „Schöne Dinge für jedermann“ lautete ihr Konzept, mit dem sie französische Kaufhausketten revolutionierte. Doch der Durchbruch kam erst mit einer Katastrophe: Nach der Scheidung von ihrem Mann Jacques wollte Andrée Putman noch einmal ganz von vorn beginnen. In einem Alter, in dem es sich andere schon bequem einrichten, machte sie sich selbständig.
 |
|
 | Foto: Nicolas Koenig / Courtesy of Morgans Hotel Group |  |
|
Und so kam der Durchbruch als Königin des Interior Design erst Anfang der achtziger Jahre. Die Studio-54-Bosse Steve Rubell und Ian Schrager, die soeben ins Hotelbusiness gewechselt hatten, wollten ihr „Morgans“ in New York von Putman ausgestattet haben. Das Budget war „lächerlich klein“, und Putman behalf sich mit der schachbrettartigen Anordnung von schwarzen und weißen Badezimmerkacheln als Designelement. Das gab dem Hotel seinen bis heute legendären Look. Dazwischen stattete sie den Film „Pillow Book“ von Peter Greenaway aus. „Ich habe damals gelernt, dass die Ausführung nicht so raffiniert erscheint, wenn nicht das Licht alles perfekt kleidet.“
Um Licht geht es auch in einem ihrer jüngsten Projekte, dem neuen Standdesign für die Kosmetikmarke Helena Rubinstein. Andrée Putman will aber nicht, dass man von einem Stand spricht: Sie habe die Verkaufspunkte als Mischung aus Labor und Boudoir konzipiert. Strahlend weiß ist die Möblierung, ein Vorhang aus Glasperlenschnüren schafft etwas Intimität. Das Licht in den Kuben kann dank LED seine Farbe wechseln.
Mit schlichter Eleganz wurde sie innerhalb weniger Jahre zu einer gefragten Designerin weltweit: Privatwohnungen von James Brown oder Karl Lagerfeld gehören genauso zu ihren Werken wie Luxushotels in New York und Wolfsburg, das Innendesign der Concorde oder die Büros französischer Minister. Die heute 84-Jährige denkt noch lange nicht ans Aufhören. Ihr Erfolgsgeheimnis: Folge nie dem Diktat der Mode. „Stil bedeutet Freiheit im Kopf und Lebenslust.“
Und: keine Angst vor schlechtem Geschmack!